Dr. rer. medic. Dirk Buchwald
Leitender Kardiotechniker
am Berufsgenossenschaftl. Universitätsklinikum Bergmannsheil in Bochum
rheinruhrmed: Dr. Buchwald, akutes Lungen- oder Herz-/Kreislaufversagen klingt immer sehr dramatisch – und viele Leser werden sich fragen: „Was geht mich das an?“ - Wie schnell kann es dazu kommen?
Dr. Buchwald: Lassen Sie mich Ihnen das Ganze an einem Szenario erklären, das gar nicht so weit hergeholt ist. Stellen wir uns einen Patienten vor, der zu Hause einen Infekt erleidet. Diesen Infekt schleppt er mehrere Wochen mit sich herum und kuriert ihn erst mal mit Hausmitteln. Es wird nicht besser. Irgendwann geht es ihm sogar so schlecht, dass er zum Hausarzt geht. Dieser weist den Patienten dann in das nächstgelegene Krankenhaus ein. Dort wird er behandelt, aber sein Gesundheitszustand verschlechtert sich weiter. Man entschließt sich deshalb, den Patienten innerhalb des Krankenhauses auf die Intensivstation zu verlegen. Auch hier verschlechtert sich sein Gesundheitszustand, so dass der Patient ein akutes Lungenversagen erleidet. Seine Lunge ist also nicht mehr in der Lage, den Körper mit ausreichend Sauerstoff zu versorgen. Der Patient droht zu versterben, wenn man ihn nicht mit einem Lungen-Unterstützungssystem versorgt.
rheinruhrmed: So eines haben Sie im Bergmannsheil?
Dr. Buchwald: Genau, hier bei uns im Bergmannsheil verfügen wir über ein System, mit dem wir entweder nur das Herz bzw. nur die Lunge oder eben beide Organe zusammen unterstützen können. Das System funktioniert relativ einfach: Zunächst müssen wir dem betroffenen Patienten zwei ungefähr je Kugelschreiber-dicke Kanülen in sein Gefäßsystem einführen. Das geschieht in der Regel über die Leiste. Durch die eine Kanüle wird dann über eine Pumpe das Blut abgesaugt. Es gelangt danach in einen so genannten Oxygenator, der im Prinzip die eigentliche
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künstliche Lunge ist. Hier wird das Blut erst einmal auf ca. 37 Grad temperiert, weil es mit dem Austritt aus dem Körper des Patienten unweigerlich abkühlt. Würde der Oxygenator das Blut nicht erwärmen, würde letztlich der Patient auskühlen. Das Blut wird in diesem Oxygenator an einer Membran mit Sauerstoff angereichert und vom Kohlendioxid befreit, bevor es von dort aus dann in der zweiten Kanüle wieder zurück in den Körper des Patienten gelangt.
rheinruhrmed: Was ist das Behandlungsziel?
Dr. Buchwald: Ziel ist es, die erkrankten Organe von ihrer Funktion für eine begrenzte Zeit zu entlasten, um ihnen eine Erholung zu ermöglichen. Die eigene Lunge und das eigene Herz des Patienten werden durch dieses System, das sich außerhalb des Körpers des Patienten befindet, entlastet. Deshalb spricht man hierbei auch von einem extrakorporalen System. Der Fachbegriff für das Verfahren lautet ECMO (Extrakorporale Membranoxygenierung). Nur wenige Spezialkliniken verfügen übrigens über ein solches ECMO-System und haben das nötige Fachwissen, solch ein System auch anzuwenden. Deutschlandweit sind es vielleicht gerade einmal zehn Kliniken.
rheinruhrmed: Was tun, wenn ein Patient in einer Klinik liegt, die nicht über solch ein System verfügt, und der Patient zu krank ist, um ihn verlegen zu können?
Dr. Buchwald: In genau solchen Fällen setzt unser Konzept an: Wir haben die ECMO so weit verkleinert, dass sie transportabel wird. Es wiegt gerade mal noch 34 Kilogramm, während normale ECMO-Systeme weit über 100 Kilogramm wiegen. Mit dieser Mini-ECMO kommt ein Implantationsteam von uns zu dem Patienten in die Klinik, schließt ihn dort an, stabilisiert ihn und kann ihn dann zu uns ins Bergmannsheil transportieren. Das geht sogar per Hubschrauber, weil die Mini-ECMO nicht nur für den Rettungswagen, sondern eben auch für den Hubschrauber zugelassen ist.
rheinruhrmed: Die Kanülen werden ja in der Regel in ein Gefäß in der Leiste eingeführt. Das dürfte doch aber gerade bei Patienten mit Übergewicht und entsprechenden Fettablagerungen an Oberschenkel und Bauch schwierig sein.
Dr. Buchwald: Völlig richtig. Es gibt aber noch eine weitere Möglichkeit, die Kanülen zu legen, und zwar über eine Vene am Hals. Diese hat einen genügend großen Durchmesser, um die Kanüle aufzunehmen.
rheinruhrmed: Wie lange kann ein Patient an einer ECMO angeschlossen bleiben?
Dr. Buchwald: Das kann mehrere Tage, ja sogar Wochen dauern. Die Behandlung dauert grundsätzlich so lange, wie die Lunge braucht, um sich zu erholen. Vor Kurzem hatten wir eine junge Patientin, die vier Wochen an eine ECMO angeschlossen war. Dann konnte das Gerät wieder ausgebaut werden, weil sich die Lungen regeneriert hatten.
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