Dr. med. Joachim Schubert
1983 als Sportmediziner in seiner Wahlheimat Bochum niedergelassen; seit 1997 eine privatärztliche Praxis; Vereinsarzt des VfL Bochum von 1989 bis 1999; Arzt der Fußballnationalmannschaft von Togo bei der FIFA-WM 2006 in Deutschland;
rheinruhrmed: Im Knie treten die häufigsten Verletzungen auf bei den Sportarten, bei denen plötzliche Richtungswechsel elementar sind (z.B. Fußball). Warum ist das so?
Dr. med. Schubert: Während das gestreckte Knie total fest und stabil ist, ist das Knie im gebeugten Zustand sehr beweglich und damit anfällig. Denn in diesem Zustand ist das Gelenk wenig fixiert und drehfreudig, was gerade bei knieunfreundlichen Sportarten wie Fußball, Skifahren oder Handball zu gravierenden Verletzungen führen kann. Denn hier können durch Stoßbelastungen und plötzliche Richtungswechsel schädliche Stresssituationen für das Gelenk auftreten, ganz abgesehen von Fremdeinwirkungen anderer Personen.
rheinruhrmed: Was kann denn überhaupt alles im Kniegelenk beschädigt werden?
Dr. med. Schubert: Grundsätzlich unterscheidet man zwei Schadensarten am Kniegelenk. Denn neben dem „Klassiker“, den Verletzungen, ist auch der Verschleiß eine häufige Ursache von Kniebeschädigungen. Auch eine Kombination ist nicht ausgeschlossen, schließlich hat ein verletztes Gelenk mehr Schwierigkeiten mit bereits vorhandenem Verschleiß fertig zu werden. Von Verschleiß können der Meniskus, der Knorpel und die Bänder, die dann ausgelockert sind, betroffen sein. Bei Verletzungen kann es zu überdehnten oder gerissenen Bändern, eingerissenem oder abgebrochenem Knorpel oder einem Meniskuseinriss oder gar Meniskusabriss kommen. Sehr häufig ist die Überdehnung des inneren Seitenbandes, gefürchtet ist vor allem der komplette Riss des vorderen Kreuzbandes. Die mit Abstand häufigste Verletzung des Kniegelenkes durch Sport ist die Innenmeniskusverletzung.
rheinruhrmed: Gehen wir zunächst näher auf den Verschleiß ein. Ab welchem Alter tritt die sogenannte Arthrose auf?
Dr. med. Schubert: Das ist ganz unterschiedlich und hängt ganz von den individuellen Voraussetzungen ab und auch davon, in welcher Art und wie intensiv das Knie in der Vergangenheit bestimmten Belastungen ausgesetzt gewesen ist. Sportarten mit hohen Stoßbelastungen wie das Langlaufen (vor allem auf Asphalt) führen wesentlich häufiger und früher zu Verschleiß als Sportarten, bei denen eine stoßfreie Belastung mit wenig Gewicht (besonders das Radfahren) dominiert. Durch Arthrose wird in jedem Fall die Belastbarkeit des Gelenks eingeschränkt, wie weit, das hängt vom Grad des Verschleißes ab. Ich unterscheide zwischen Arthrose leichten, mittleren und schweren Grades. Bereits beim mittleren Grad würde ich dann von der Ausübung der Sportarten abraten, die mit Stoßbelastung und Richtungswechsel verbunden sind. Es droht eine rasche Verschlimmerung des Knorpelschadens.
rheinruhrmed: Was heißt das konkret, welche Sportarten sind bei welchem Schweregrad tabu?
Dr. med. Schubert: Bei leichter Arthrose sollten im Wesentlichen Sprungbelastungen vermieden werden. Also zum Beispiel Volleyball oder Basketball. Die Arthrose zweiten Grades hat schon weitere Konsequenzen: Neben Sprüngen sind auch Stoßbelastungen, wie sie das Knie beim Joggen abfangen muss, Gift für das angeschlagene Gelenk. Und bei der Arthrose dritten bis vierten Grades, also der sehr fortgeschrittenen Arthrose, rate ich dringend dazu, ausschließlich kniefreundliche Sportarten wie Radfahren, Walking oder Schwimmen auszuüben. Der Rest der so beliebten Sportarten sollte der Vergangenheit angehören. Und daran sollte man sich auch halten, denn die Arthrose kann sonst rapide zunehmen und es ist bis heute nicht möglich, eine Arthrose zu „reparieren“ (wenn es auch in der Sportmedizin einige Möglichkeiten gibt, das Voranschreiten aufzuhalten).
rheinruhrmed: Nun zu den Verletzungen: Welche Teile des Kniegelenks können denn betroffen sein und wann droht eine Operation?
Dr. med. Schubert: Wie oben schon erwähnt, verliert die komplexe Struktur des Knies im gebeugten Zustand ihren stabilen Zusammenhalt. Dann kann der komplexe Bandapparat auf vielerlei Arten in Mitleidenschaft gezogen werden. Da sind die beiden Seitenbänder, das innere und das äußere, sowie die beiden Kreuzbänder, das vordere und das hintere. Sie können jeweils überdehnt, angerissen oder durchgerissen sein. In der Regel stellt der komplette Riss eines Bandes eine Operationsindikation dar. Häufig ist auch der Meniskus betroffen, er kann gequetscht oder eingerissen sein. Eine Meniskusverletzung ist ebenfalls meist ein Grund für eine sog. Schlüsselloch-Operation (Arthroskopie), andernfalls drohen erhebliche Folgeschäden wie Knorpelverschleiß und schmerzhafte Entzündungszustände. Ein frisch aufgetretener Knorpelschaden kann unter bestimmten Voraussetzungen ebenfalls operativ angegangen werden.
rheinruhrmed: So komplex das Gelenk auch ist. Können Sie in wenigen Worten erklären, wie das Knie das funktioniert?
Dr. med. Schubert: Angeregt von den Nerven, die einen Befehl zum Beugen oder Strecken aussenden, ziehen sich die beugeseitigen oder streckseitigen Muskeln zusammen. Dadurch entsteht eine Bewegung im Gelenk, die mit Knorpel überzogenen Enden des Ober- und Unterschenkelknochens gleiten aneinander vorbei. Der Muskel, der der sog. Gegenspieler (Antagonist) ist, sorgt für eine entsprechende Gegenbewegung – es entsteht die Streckung und Beugung im Kniegelenk.
Man darf aber nie ein Gelenk allein betrachten. Auch die „Nachbargelenke“, wie im Falle des Knies das Hüftgelenk, spielen eine entscheidende Rolle für die Funktionsfähigkeit des Knies. Ist das Hüftgelenk krank, können auch die Funktionen des Knies beeinträchtigt sein, das gleiche gilt für Fehlbelastungen oder Krankheiten im Bereich der Füße oder Sprunggelenke.
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