Priv.-Doz. Dr. med. Burkhard L. Herrmann
Facharzt für Innere Medizin,
Endokrinologe und
Diabetologe.
rheinruhrmed: PD Dr. Herrmann, was sind Hormone und was tun sie in unserem Körper?
PD Dr. med. Burkhard L. Herrmann: Hormone sind für das körperliche und seelische Wohlbefinden unerlässliche Substanzen, die in einer Drüse (z. B. Schilddrüse) gebildet werden. Hauptregulator aller Hormone ist die Hirnanhangsdrüse (Hypophyse). Sie steuert die Funktion der Schilddrüse, des weiblichen Zyklus, die Hodenfunktion und zum Beispiel die Stressfunktion der Nebennieren. Zudem ist sie für das Längenwachstum des Menschen verantwortlich. In der Hypophyse wird das sogenannte Wachstumshormon gebildet. Störungen der Hirnanhangsdrüse wie z. B. Tumore oder auch Schädelhirntraumata nach Verkehrsunfällen führen zu folgenschweren Hormonstörungen. Viel häufiger sind Störungen der Drüsen selbst, wie zum Beispiel eine Über- oder Unterfunktion der Schilddrüse. Erwähnenswert ist auch, dass sich die Sekretion aller inneren Drüsen in einem Gleichgewicht befinden muss, damit der gesamte hormonelle Regelkreis funktioniert.
rheinruhrmed: Welche Symptome zeigen sich bei einer Hormonstörungen?
PD Dr. med. Burkhard L. Herrmann: Bei Frauen können neben den Wechseljahresbeschwerden sowohl Haarausfall als auch vermehrte Behaarung der Haut (Hirsutismus) auf Hormonstörungen zurückgeführt werden. Bei einem Haarausfall von mehr als 100 Haaren pro Tag sollte die Ursache unbedingt geklärt
Thema Schilddrüse
Welcher TSH-Wert ist richtig? Wie verläuft eine OP? - Lesen Sie alles über Schilddrüse [mehr...]
werden. Neben anderen Ursachen wie Vitaminmangel-Erkrankungen liegen die vermehrte Körperbehaarung, Regelstörungen mit unerfülltem Kinderwunsch oder eben auch der Haarausfall häufig an einer erhöhten Konzentration männlicher Hormone. Es handelt sich hier häufig um das sogenannte PCOS (Polyzystische Ovarsyndrom). Ein Zusammenspiel von genetischen Faktoren und Umwelteinflüssen wird angenommen, wobei bisher kein Schlüsselmechanismus gefunden werden konnte, der die Ursache des PCOS bis ins Detail erklären kann. Bis dato gesichert scheint, dass sich in der Entwicklung des PCOS mehrere hormonelle Störungen gegenseitig bedingt massiv verstärken. Oftmals besteht auch ein Zusammenhang mit dem Typ-2-Diabetes bzw. einer Insulinresistenz. PCOS-Patientinnen weisen typischerweise eine Verschiebung des Verhältnisses von Luteinisierendem Hormon (LH) zu Follikel-stimulierendem Hormon (FSH) auf. Der erhöhte LH-Spiegel fördert die männliche Hormonbildung in den Eierstöcken. In der Nebenniere kommt es ebenfalls zu einer gesteigerten männlichen Hormonbildung, so dass ein männlicher Hormonexzess entsteht.
rheinruhrmed: Wie lässt sich gegen das PCOS vorgehen?
PD Dr. med. Burkhard L. Herrmann: Die derzeit praktizierten therapeutischen Ansätze in der Behandlung des PCOS richten sich vornehmlich nach der im Vordergrund stehenden klinischen Symptomatik. Gewichtsreduktion und ein Therapieversuch mit Metformin können ggf. in Erwägung gezogen werden.
rheinruhrmed: Woran liegt es, dass Schilddrüsenerkrankungen in Deutschland so häufig sind?
PD Dr. med. Burkhard L. Herrmann: Grund hierfür ist der Jodmangel, der immer noch in Deutschland besteht. Die in der Schilddrüse gebildeten lebensnotwendigen Schilddrüsenhormone (T3 und T4) sind jodhaltig. Bei einem Jodmangel kompensiert die Schilddrüse diesen Mangel mit einer Vergrößerung und neigt dazu, Knoten zu bilden. Häufig entstehen dadurch sogenannte warme Knoten, die vermehrt Schilddrüsenhormone bilden können als das umliegende nicht-knotige Gewebe. Diese warmen Knoten können dann im Verlauf zu einer Überfunktion der Schilddrüse führen. Dem gegenüber stehen die kalten Knoten, die keine Schilddrüsenhormone mehr produzieren und in seltenen Fällen bösartig sein können. Eine Schilddrüsen-Szintigraphie ist, neben ein paar wenigen Ausnahmen, nur zur Unterscheidung zwischen warmen und kalten Knoten erforderlich. Im Falle einer Überfunktion durch einen warmen Knoten, kann dieser durch eine Radiojodtherapie oder durch eine Schilddrüsenoperation behandelt werden. Kalte Knoten über einen Zentimeter sollten punktiert werden, um ein Karzinom rechtzeitig zu erkennen. Bei jeder Ultraschalluntersuchung (Sonographie) sollte neben der Größenbestimmung die Knoten ausgemessen und die Halslymphknotenregionen mit beurteilt werden.
rheinruhrmed: Es soll Formen der Schilddrüsen-Unterfunktion geben, bei der sich die Schilddrüse auflösen kann, ist das richtig?
PD Dr. med. Burkhard L. Herrmann: Ja, eine häufige Form der Schilddrüsen-Unterfunktion, die sich durch Müdigkeit und zunehmende Abgeschlagenheit äußern kann, ist die sogenannte Hashimoto-Thyreoiditis, eine autoimmun-bedingte Zerstörung der Schilddrüse. Durch eine Antikörperbildung (TPO und Tg-Antikörper) wird die Schilddrüsenhormonproduktion vermindert. Die Schilddrüse wird im Verlauf kleiner und löst sich quasi auf. Eine Schilddrüsen-Szintigraphie ist bei einer Hashimoto-Thyreoiditis nicht erforderlich. Entwickelt sich in Folge eine Unterfunktion, dann entstehen die typischen Symptome wie Müdigkeit, Abgeschlagenheit, Stuhlverhalt, Gewichtszunahme, Frieren, Blutarmut, Anstieg der Nierenwerte. Patienten mit schwerer Hypothyreose können auch eine Depression entwickeln.
rheinruhrmed: Wie lässt sich dieser Prozess verhindern?
PD Dr. med. Burkhard L. Herrmann: Die Gabe von Selen kann in einigen Fällen den Untergang der Schilddrüse im Frühstadium verhindern. Ansonsten müssen die Schilddrüsenhormone ersetzt werden, um die Unterfunktion auszugleichen. Dies erfolgt durch die morgendliche Einnahme einer Schilddrüsenhormontablette, z. B. Euthyrox. Gelegentlich kann die Hashimoto-Thyreoiditis am Hals ein Druck- und Engegefühl hervorrufen, wenngleich das Schilddrüsenvolumen nur einige wenige Milliliter groß ist. Eine operative Entfernung führt jedoch zu keiner Linderung.
rheinruhrmed: Eine weitere Erkrankung der Schilddrüse ist der Morbus Basedow. Was hat es damit auf sich?
PD Dr. med. Burkhard L. Herrmann: Morbus Basedow ist eine weitere Autoimmunerkrankung der Schilddrüse, die sich durch hervorstehende rötliche Augen präsentieren kann (Endokrine Orbiopathie). Antikörper gegen den TSH-Rezeptor an der Schilddrüse (TRAK), aber auch im Fettgewebe hinter dem Auge führen dort zu einer Entzündungsreaktion. In der Schilddrüse entsteht eine Überfunktion (Hyperthyreose), und in 50 % der Fälle entwickelt sich eine Augensymptomatik (Bindehautentzündung, Lichtempfindlichkeit, Augenmuskelstörungen etc.). Die Hyperthyreose äußert sich durch einen schnellen Puls, Schwitzen, Gewichtsabnahme, Durchfall, Einschlaf- und Durchschlafstörungen etc. Initial wird die Hyperthyreose durch Tabletten behandelt und ein Auslassversuch nach einem Jahr angestrebt. Entsteht nach dem Auslassversuch wieder eine Überfunktion, dann muss die Schilddrüse operiert werden (Near-Total Resection) oder mit Radiojod behandelt werden. Die Behandlung der Augenproblematik des Morbus Basedow bedarf der engen Zusammenarbeit zwischen Endokrinologen (Hormonspezialisten), Fachmedizinern für Radiologie und Nuklearmedizin und Augenärzten.
rheinruhrmed: Was raten Sie schwangeren Frauen in Bezug auf Schilddrüsenveränderungen?
PD Dr. med. Burkhard L. Herrmann: Während und nach der Schwangerschaft können Schilddrüsenveränderungen entstehen, die sowohl die Schilddrüsengröße als auch die Schilddrüsenfunktion betreffen. Während der Schwangerschaft besteht ein erhöhter Jodbedarf, so dass 200 µg Jodid täglich eingenommen werden sollten. Vor über 2000 Jahren haben ägyptische Frauen zum Nachweis einer Schwangerschaft sich ein Schilfblatt um den Hals gebunden. Da die Schilddrüsengröße während der Schwangerschaft um 30-40 Prozent zunimmt, wurde das Schilfblatt im Sinne eines positiven Schwangerschaftstests enger und riss. Heute weiß man, dass das Schwangerschaftshormon (ß-HCG) die Schilddrüse stimuliert. Nach der Schwangerschaft kann es in 10 Prozent zu einer postpartum Thyreoiditis kommen, die meistens jedoch keiner Behandlung bedarf, jedoch weiter kontrolliert werden muss.
Weitere Links zum Thema auf rrm:
![]() |
![]() |
![]() |
||
|---|---|---|---|---|
Schwangerschaft: "TSH-Wert sollte zwischen 1 und 2 liegen" - Prof. Dr. med. Mann über die Besonderheiten der Schilddrüsentherapie bei Schwangeren [Hormone...] |
Schilddrüsen-OP "Viele haben Knoten, ohne es zu wissen." - Prof. Dr. Dr. Walz erklärt, worauf es bei einer Schilddrüsen-Operation ankommen sollte [Schilddrüsen-OP...] |
Schilddrüse: 1 von 3000 Neugeborenen leidet an Unterfunktion - Dr. med. Krüger über Erkrankungen der Schilddrüse speziell bei Kindern und Jugendlichen [Kinder-Schilddrüse...] |
Bookmarken / Empfehlen Sie diese Seite auf:
/
/
/
/
/
/
/
/
/
/
/
/
/ ![]()
* Die hier wie überall auf rheinruhrmed.de angebotenen Informationen dürfen auf keinen Fall als Ersatz ärztlichen Rates angesehen werden. Diese Internetseite kann und darf NICHT benutzt werden, um eigenständig Diagnosen zu stellen oder Behandlungen zu beginnen. Bei Beschwerden oder Fragen jeglicher medizinischer Art konsultieren Sie bitte direkt Ihren Arzt oder Apotheker.
| Tipps & Termine |
Herz: 26.04.2012, 18.00 Uhr, Dr. med. Bernd Hufnagel (Chefarzt Innere Medizin im Ev. Krankenhaus Bethanien): KORONARE HERZKRANKHEIT – MODERNE DIAGNOSTIK UND THERAPIE, Virchowstr. 4, 44263 Dortmund-Hörde, Tel. 0231-9430-0 • Fax: 0231-9430-333 Schwindel: 03.05.2012, Schwindel - Diagnostik und Therapie, Susanne Hogrefe, CURAvita; Dr. Horst Luckhaupt, CA Klinik für HNO, im St.-Johannes-Hospital Dortmund, Konferenzraum 5, 19.00 Uhr.
|
| NEWSLETTER BESTELLEN |
News von rrm RHEIN RUHR MED
Sie wollen über aktuelle Interviews mit Ärzten und News aus der Medizin auf dem Laufenden bleiben? Da haben wir was für Sie [mehr...] oder folgen Sie uns über:
Meist geklickt im Monat Oktober 2011:
Eine Ära geht zu Ende: Mit der neuen Generation von Blutverdünnern bekommt der Klassiker Marcumar® Konkurrenz. Prof. Dr. med. Marc Horlitz erklärt, was von den neuen Mitteln zu halten ist [mehr...]
Meist geklickt in 2010:
Jedes Jahr werden allein in Deutschland über 200.000 Patienten an der Schilddrüse operiert. Prof. Dr. Dr. med. Walz erklärt, worauf es bei einer solchen Operation ankommt und wie operiert wird [mehr...]
| AUSGEWÄHLTE BEITRÄGE - ÜBERSETZT: |