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Typ-2-Diabetes, die schleichende Gefahr *

Holtmeier

Priv.-Doz. Dr. med. Wolfgang Holtmeier

Chefarzt für Gastroenterologie, Diabetologie und Innere Medizin am Krankenhaus Porz am Rhein in Köln; Facharzt für Innere Medizin, Gastroenterologie, Diabetologie & Endokrinologie

(Das Interview entstand im Vorfeld des 9. Porzer Diabetiker- und Gesundheitstages, der am 9. April 2011 im Bezirksrathaus von Köln-Porz stattfindet.)

Warum ist Diabetes eine „schleichende Gefahr“?

Dr. Holtmeier: Das Problem ist, dass die Patienten in der Regel viele Jahre nicht wissen, dass sie bereits an Diabetes erkrankt sind. Diabetes ist also nicht wie ein Infekt, bei dem der Patient durch Fieber, Husten etc. unmittelbar merkt, dass er sich nun schonen muss. Erst, wenn sich erste Symptome beim Diabetes zeigen, nehmen die Betroffenen die Krankheit wahr. Und dann ist die Krankheit meist schon so weit fortgeschritten, dass es bereits zu Langzeitschäden gekommen ist, die nicht mehr umkehrbar sind.

Welche Langzeitschäden können das sein?

Dr. Holtmeier: Ein erhöhter Zucker verursacht in hohem Maße Gefäßschädigungen. In erster Linie sind hiervon Herz, Gehirn, Nieren und Beingefäße betroffen. Diabetes kann also zu einem Herzinfarkt und Schlaganfall, aber auch zu Nierenschäden und Durchblutungsstörungen in den Beinen führen.

Das heißt also, dass es heute zusätzlich zu den Millionen von Diabetikern in Deutschland noch eine hohe Dunkelziffer von Betroffenen gibt, die Diabetes bereits haben, aber noch nichts davon wissen?

Dr. Holtmeier: Genau, das liegt vor allem daran, weil die Menschen in den Industrieländern immer übergewichtiger werden. In den USA, die uns da zehn Jahr voraus sind, beobachten wir bereits einen rasanten Anstieg an Typ-2-Diabetikern. Das fängt inzwischen sogar schon bei 20- bis 30-Jährigen an. Das ist übrigens neu, denn früher wurde Typ-2-Diabetes eher bei Menschen ab 40 bzw. 50 Jahren zum Problem.

Können Sie noch mal kurz den Unterschied zwischen Typ-1- und Typ-2-Diabetes erklären?

Dr. Holtmeier: Typ-1-Diabetes liegt vor, wenn der Körper (Bauchspeicheldrüse) aufgrund einer Autoimmunerkrankung überhaupt kein Insulin mehr produzieren kann. Diese Menschen sind in der Regel schlank. Im Gegensatz dazu sind Typ-2-Diabetiker eher dicker und produzieren sogar zu viel Insulin. Diese Überproduktion wird dadurch hervorgerufen, dass die Zellen im Körper resistent gegenüber dem Insulin sind. Das führt dazu, dass noch mehr Insulin produziert wird – mit dem Effekt, dass der Körper regelrecht „gemästet“ und immer dicker wird. Die Bauchspeicheldrüse funktioniert also wunderbar bei den Typ-2-Diabetikern. Irgendwann aber, wenn die Bauchspeicheldrüse immer mehr produzieren muss, um die Resistenz der Zellen zu überwinden, nimmt sie allerdings Schaden. Ein langjähriger Typ-2-Diabetiker kann also damit rechnen, dass seine Bauchspeicheldrüse nach 20 bis 30 Jahren erschöpft ist. Dann braucht er in jedem Fall Insulin.

Inwiefern ist die Bevölkerung für Diabetes sensibilisiert?


Dr. Holtmeier: Meines Erachtens ist die Bevölkerung in Deutschland über diese Krankheit noch zu wenig aufgeklärt. Klar, wenn Mutter oder Vater Diabetes haben, denken die Kinder häufig, dass sie diese Krankheit auch treffen kann. Aber oftmals ist selbst dieser Zusammenhang nicht bekannt. Diabetes bekommen nur Menschen, die genetische entsprechend veranlagt sind und Übergewicht haben. Es reicht also nicht, einfach bloß dick zu sein. Es gibt viele dicke Menschen, die keinen Diabetes haben. Man kann sich Diabetes also nicht „anessen“. Umgekehrt: Wenn Sie die Gene haben und nicht dick sind, bekommen Sie keinen Diabetes. Die Lösung wäre also, dass der Patient entsprechend abnimmt – und dann muss er keine Tabletten gegen Diabetes mehr nehmen. Nach dem 2. Weltkrieg oder während der Hungerzeit in Deutschland gab es Typ-2-Diabetiker so gut wie nicht. Das ist eine Wohlstandserkrankung.

Warum gibt es diese Krankheit?

Dr. Holtmeier: Früher, in der Steinzeit, hatten Diabetiker durchaus einen Überlebensvorteil. Die nämlich, die Diabetes haben, können sehr schnell fett ansammeln, weshalb sie eine Hungerperiode besser durchstehen können. Heute ist das in der Überflussgesellschaft kontraproduktiv.

Konsequentes Abnehmen ist also die Lösung?

Dr. Holtmeier: Ja, aber das schaffen vielleicht gerade mal fünf Prozent der Patienten. Für viele Patienten ist es schlicht einfacher, Tabletten zu schlucken, als wirklich konsequent ihr Leben und ihre Ernährung umzustellen. Da erleben wir eine gewisse Trägheit.

Was ist also der erste Schritt, um gegen Diabetes vorzugehen?

Dr. Holtmeier: In einem ersten Schritt versucht der Hausarzt oder Diabetologe, durch eine Veränderung der Lebensweise den Stoffwechsel des Patienten wieder in den Griff zu bekommen. Der Patient muss dann in einer Zeit von drei bis sechs Monaten ca. fünf bis zehn Kilo abnehmen – und dieses Gewicht dann auch halten. Man strebt also nicht das Idealgewicht an – und der Patient darf auf keinen Fall hungern. Wenn der Patient nämlich langfristig ein geringeres Gewicht halten will, geht das nicht über eine punktuelle Diät, sondern über eine Umstellung der Essgewohnheiten. Sonst haben Sie den Joo-Effekt. Diese moderate Gewichtsreduktion führt dazu, dass die Resistenz der Zellen gegenüber Insulin abgeschwächt wird. In vielen Fällen ist dann eine Kontrolle des Diabetes ohne Medikamente möglich. Weiterhin ist ausreichende Bewegung und Sport sehr wichtig, da dieses auch zu einer besseren Wirksamkeit des Insulins führt.

Sie bieten am Krankenhaus Porz am Rhein auch Diabetes-Schulungen an. Warum sollte ein Patient die Schulung eines Krankenhauses in Anspruch nehmen?

Dr. Holtmeier: Wir führen die Schulungen nach den neuesten wissenschaftlichen Erkenntnissen durch und haben gerade im Hinblick auf Begleiterkrankungen eine hohe Expertise. Schließlich behandeln wir den Patienten im Zweifel interdisziplinär, wenn es etwa darum geht, das Ausmaß der Gefäßschädigungen zu beurteilen. Wir senken den Zucker also nicht mittels Spritze einfach nur, sondern behandeln ihn nachhaltig. Die Qualität der Versorgung von Diabetikern in Köln-Porz und Umgebung ist durch das Krankenhaus Porz am Rhein also auf hohem Niveau gesichert.

Sie sprachen eben noch einmal die Begleiterkrankungen an. Auch Darmkrebs soll bei Diabetikern häufiger vorkommen. Wie hängt das zusammen?

Dr. Holtmeier: Die Vorsorge gegen Darmkrebs ist natürlich nicht nur für den Diabetiker wichtig, aber bei Diabetikern kommt hinzu, dass sie durch das Zuviel an Insulin auch vermehrt unter Tumorerkrankungen leiden. Insulin ist schließlich Nährstoff für Zellen, aber eben nicht nur für die gesunden, sondern auch für die Tumorzellen. So stellt man sich das vor. Das heißt, gerade diese Gruppe sollte sich einer Vorsorgeuntersuchung unterziehen.

(Quelle: Krankenhaus Porz am Rhein)

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