Prof. Dr. med. Dirk Behringer
Chefarzt der Klinik für
Hämatologie, Onkologie & Palliativmedizin, Augusta-Krankenhaus Bochum.
rheinruhrmed: Prof. Behringer, der so genannte „uPA/PAI-1“-Test kann Brustkrebs-Patientinnen nach der Operation die Chemotherapie ersparen. Ist der Test bei allen Patientinnen anwendbar?
Prof. Dr. med. Behringer: Nein, der Test gilt leider nicht für alle Fälle von Brustkrebs, sondern nur für eine Subgruppe von Patientinnen, die aber ungefähr 70 bis 80 Prozent aller Brustkrebsfälle in Deutschland ausmacht. Und in dieser Subgruppe können wir ca. 30 bis 40 Prozent dank des Tests eine Chemotherapie ersparen; früher hätte man sich in diesen Fällen noch für eine Chemotherapie entschieden. Grundsätzlich kommen für den Test Patientinnen ohne Lymphknotenbefall in Frage, die erstmals erkrankt sind.
rheinruhrmed: Früher war es also so, dass man eine Chemotherapie verordnet hat nach dem Motto: Lieber einmal mehr als zu wenig?
Prof. Dr. med. Behringer: Genau, bei dieser Patientengruppe hatte man sich, bevor es diesen Test gab, immer etwas schwer getan und meist sehr individuell entschieden.
rheinruhrmed: Wie funktioniert der Test?
Prof. Dr. med. Behringer: Das Schwierige an diesem Test ist, dass man nicht – wie üblicherweise – das Gewebe, das während der Operation aus der Brust entfernt wird, einfach in Formalin einlegt und dann theoretisch auch noch zwei Jahre später aufbereiten kann. Der Test muss an Frischgewebe erfolgen. Sie
müssen also im Operationssaal Stickstofftanks vorhalten, die das Gewebe schockgefrieren. Zudem muss eine Lagerung des Gewebes bei minus 70 Grad gewährleistet sein. Das ist ein zusätzlicher Kostenaufwand für ein Zentrum.
rheinruhrmed: Was wird mit diesem Frischgewebe genau gemacht?
Prof. Dr. med. Behringer: Wir überprüfen die Aktivität und Funktion der Enzyme „uPA“ und „PAI-1“. Das sind Eiweißmoleküle, die den Stoffwechsel regulieren und beschleunigen. Durch die Prüfung können wir nachweisen, wie viele dieser Moleküle vorhanden sind. Wenn einer der beiden Enzym-Werte erhöht ist, ist das für uns ein Zeichen, dass die Patientin doch eher eine Chemotherapie bekommen sollte. Wenn diese beiden Werte aber normal sind, ist das Risiko einer Neuerkrankung deutlich verringert, so dass von einer Chemotherapie abgesehen werden kann.
rheinruhrmed: Wie sicher ist das Testergebnis?
Prof. Dr. med. Behringer: Also, wie jeder Test ist natürlich auch dieser Test nicht zu 100 Prozent sicher. Aber um mal einen Eindruck zu geben, wie unsere Fachgesellschaften diesen Test hinsichtlich seiner Evidenz [Sicherheit, Eindeutigkeit; Anm. d. Red.] einstufen: Im Gegensatz zu den bisherigen Bestimmungsfaktoren (Östrogen-Rezeptor, Progesteron-Rezeptor, HER2/neu-Status), die alle als Level B eingestuft sind, ist das uPA/PAI-1-Test als Level A eingestuft. Er ist also höher eingestuft und wird damit als noch eindeutiger gesehen. Dieser Test ist bei fast 10.000 Patientinnen randomisiert getestet und validiert worden. Wenn wir nun sagen wollten, darauf können wir uns nicht verlassen, dann müssten wir auch die anderen traditionellen Faktoren anzweifeln.
rheinruhrmed: Dieser Test ist international anerkannt und empfohlen, so auch seit 2002 von der Arbeitsgemeinschaft Gynäkologische Onkologie. Er wird jedoch erst von fünf Kliniken in Deutschland angeboten, darunter auch Ihr Haus, das ihn seit gut zwei Jahren durchführt. Woran liegt diese noch sehr geringe Verbreitung des Tests?
Prof. Dr. med. Behringer: Der entscheidende Faktor ist neben gewissen Umbaukosten sicher die Logistik in einem Zentrum. Der Test erfordert eine enge Zusammenarbeit von Chirurgen, Gynäkologen und Pathologen. Das schockgefrorene Material muss sofort zum Pathologen, das kostet auch OP-Zeit. Ich kann mir schon vorstellen, dass das in vielen anderen Häusern ein logistisches Problem darstellt. Und da das unterm Strich ja erst einmal ein Mehraufwand bedeutet, der nicht gegenfinanziert wird, erschwert das sicherlich die Umsetzung.
rheinruhrmed: Muss die Patientin im Vorfeld der OP entscheiden, ob sie den Test machen lassen will?
Prof. Dr. med. Behringer: Nein, in unserem Zentrum fordern wir da kein separates Einverständnis. Die Patientin wird natürlich routinemäßig vor der Operation aufgeklärt und dabei erwähnen wir auch, dass wir das Tumorgewebe entsprechend analysieren.
rheinruhrmed: Ein solcher Test soll ca. 150 Euro kosten, wird aber bislang nicht von der Krankenkasse bezahlt. Wenn man das mal gegenrechnet mit den Kosten einer Chemotherapie, die dadurch unter Umständen eventuell entfallen, fragt man sich doch, warum das nicht von der Krankenkasse übernommen wird. Haben Sie da eine Erklärung?
Prof. Dr. med. Behringer: Ich denke, dass es für die Krankenkassen allgemein enorm schwer abzuschätzen ist, was heutzutage Sinn macht und was nicht. Aber in diesem Fall gibt es ja nun schon lange die Empfehlung der Arbeitsgemeinschaft Gynäkologische Onkologie – und diese Empfehlung hat einen statistisch lupenreinen Evidenzgrad. Also, so richtig kann ich das auch nicht verstehen, warum die Krankenkassen das noch nicht übernehmen. Aber das kommt bestimmt.
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