Dr. med. Thomas May
Chefarzt der Klinik für Gefäßchirurgie am Krankenhaus Porz am Rhein in Köln; Facharzt für Gefäßchirurgie und Allgemeinchirurgie
Dr. May, was ist ein Aneurysma?
Dr. med. May: Ein Aneurysma kann man sich in etwa wie eine Aussackung am Blutgefäß vorstellen – so wie ein kleiner Ballon, der größer als ein normales Blutgefäß ist. Es gibt spindel-, aber auch sackförmige Ausprägungen von Aneurysmen.
Warum ist das Aneurysma eine „tickende Zeitbombe“?
Dr. med. May: Weil es unbehandelt ein hohes Risiko in sich birgt. Es wächst nämlich, wodurch die Gefäßwand an dieser Stelle immer dünner wird. Das ist wie bei einem Ballon, den Sie aufblasen: je größer der Ballon, desto dünner die Hülle. Erschwerend kommt hinzu, dass in diesem „Ballon“, dem Aneurysma, ein permanenter, wechselnder Blutdruck und Pulsschlag herrscht. Je nach körperlicher Belastung können systolische Blutdruckspitzen von 150, 200 mmHg oder mehr entstehen. Das kann eine Zeit lang gut gehen, doch irgendwann platzt dann dieser „Luftballon“ – mit dem Unterschied, dass beim Aneurysma nicht Luft, sondern Blut entweicht. Mit anderen Worten: Der Patient verblutet.
Ein Aneurysma kann also zum Tode führen?
Dr. med. May: Wenn es unbehandelt bleibt, ja. Die wenigsten wissen vielleicht, dass Albert Einstein 1955 an einem Bauchaorten-Aneurysma gestorben ist. Er hatte schon zwei Jahre zuvor von seiner Diagnose erfahren. Aber zum damaligen Zeitpunkt bestand noch keine Möglichkeit einer therapeutischen Versorgung. Inzwischen ist die Entwicklung auf diesem Gebiet aber derart fortgeschritten, dass man heutzutage selbst über kleinste Schnitte und in Kurznarkosen diese Aneurysma versorgen kann.
Wo entstehen Aneurysmen im Körper?
Dr. med. May: Aneurysmen können sich überall im Körper an Schlagadern ausbilden. Das mit Abstand am häufigsten betroffene Gefäß ist jedoch die Bauchaorta, also die Schlagader im Bauch. In ca. 80 - 90 Prozent der Fälle liegt hier das Aneurysma. Wenn solch ein Bauchaortenaneurysma (BAA) vorliegt, sollte der Arzt übrigens auch vorsichtshalber in anderen Regionen des Körpers nach einem Aneurysma forschen, z.B. im Bereich der Kniekehle und des Brustkorbs. Hier können sich nämlich ebenfalls solche Aneurysmen gebildet haben.
Gibt es irgendwelche Symptome, an denen Patienten erkennen können, dass sie ein Aneurysma haben?
Dr. med. May: Nein, es gibt leider keinerlei wirkliche Warnzeichen, die darauf hinweisen, dass ein Aneurysma vorliegt oder sogar platzen wird. Es macht auch keine Beschwerden, das ist ja das Schlimme. Vielleicht gibt es hier und da mal dumpfe Rückenschmerzen, aber im Prinzip spürt der Betroffene vom Aneurysma nicht viel. Auch ein Abtasten des Bauchraums führt in den meisten Fällen nicht zur Diagnose – ausgenommen sind vielleicht Fälle, in denen der Patient entweder sehr, sehr schlank oder das Aneurysma sehr, sehr groß ist. Dann lässt sich die pulsierende Masse im Bauchraum eventuell ertasten. Deshalb ist es wichtig, ein Aneurysma frühzeitig zu erkennen. Man kann sich vorstellen, dass das Risiko für das Platzen eines Aneurysmas steigt, je größer der Durchmesser ist. Wenn das Aneurysma z.B. größer als 5 cm ist, dann liegt die Wahrscheinlichkeit, dass es in den nächsten fünf Jahren platzen kann, immerhin schon bei 25 Prozent. Das heißt, bei jedem vierten Betroffenen wird der „Ballon“ in absehbarer Zeit platzen. Ist das Aneurysma sogar größer als 7 cm, kann es sogar bei drei von vier betroffenen Patienten platzen. Das Risiko liegt also dann bei 75 Prozent, dass man solch ein Aneurysma nicht überlebt.
Welche Risikofaktoren gibt es, die ein Aneurysma entstehen lassen?
Dr. med. May: Hauptrisiko-Faktor ist das Geschlecht. Wir Männer sind neunmal häufiger betroffen als Frauen. Aber auch das Alter spielt eine Rolle. Mit zunehmenden Jahren steigt nämlich das Risiko, ein Aneurysma auszubilden. Weitere Risikofaktoren sind das Rauchen sowie genetische Vorbestimmungen. Das heißt, wenn die Eltern in der Vorgeschichte ein BAA hatten, ist die Wahrscheinlichkeit schon sehr groß, dass Sie eventuell auch eines haben könnten.
Wenn sich ein Aneurysma so schwer im Körper des Patienten ausmachen lässt, wie können Sie es dann feststellen?
Dr. med. May: In erster Linie untersuchen wir per Ultraschall. Solch ein Gerät steht inzwischen zwar in vielen Arztpraxen, aber der Unterschied ist eben, dass nicht jeder Hausarzt die krankhafte Veränderung der Bauchschlagader auch entdeckt. Dabei reicht schon ein Querschnitt der Schlagader per Ultraschall, um festzustellen, ob eine Erweiterung des Gefäßes vorliegt. Wenn dann ein Aneurysma gefunden ist, sollte der nächste Schritt der Gang zum Gefäßchirurgen sein. Es gibt keine Alternative.
Welche Untersuchung nimmt der Gefäßchirurg vor?
Dr. med. May: Im Wesentlichen machen wir eine Computer-Tomographie, anhand der wir die Größe und Länge des Aneurysmas bestimmen können. So entscheiden wir dann letztlich, auch unter Berücksichtigung eventueller Nebenerkrankungen, ob eine Therapie notwendig wird. Sollte es zu einer Therapie kommen, stehen mehrere Wege offen. Es gibt die klassische Operation, bei der wir über einen Bauchschnitt an die Schlagader gelangen und dort unter Vollnarkose eine Gefäßprothese setzen. Seit 1996 bieten wir in Köln-Porz aber auch zusätzlich das so genannte endovaskuläre Verfahren an: Hier gehen wir mithilfe eines winzigen Schnitts in der Leiste in das Gefäßsystems des Patienten und setzen so die Prothese. Man muss allerdings sagen, dass dieses Verfahren aus anatomischen sowie technischen Gründen nicht bei jedem Patienten angewendet werden kann. Das hängt also vom individuellen Fall ab. Wir sind, was diese speziellen Gefäßprothesen angeht, jedoch inzwischen bereits in der 5. Generation, so dass damit viel möglich ist.
- 02.10.2010 -
(Quelle: Krankenhaus Porz am Rhein)
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