Das Glioblastom ist ein tückischer Feind: Der Hirntumor lässt sich zwar oft weitestgehend chirurgisch entfernen. So gut wie immer bilden sich danach aber neue Wucherungen. Grund dafür ist, dass nach der Operation versprengte Krebszellen im Gehirn verbleiben. Forscher der Universität Bonn haben laut Informationsdienst Wissenschaft diese "vergessenen" Zellen nun erstmals genauer unter die Lupe genommen.
Bestrahlung kann den "vergessenen Zellen" oft wenig anhaben
Die Bonner Forscher konnten nachweisen, dass diese sich in vielen grundlegenden Eigenschaften stark von den Zellen aus dem Zentrum des Tumors unterscheiden. Eventuell erklärt das auch, warum Bestrahlung oder Chemotherapie den "vergessenen Zellen" so wenig anhaben können. Die Ergebnisse erscheinen nun in der Fachzeitschrift Annals of Neurology (DOI: 10.1002/ana.22036).
Krebszellen wandern in benachbartes gesundes Gehirngewebe
Patienten mit einem Glioblastom werden in aller Regel so schnell wie möglich operiert. Dabei entnimmt der Chirurg vom Zentrum der Wucherung aus beginnend krankhaftes Gewebe, bis der Tumor vollständig entfernt scheint. Leider sind die Krebszellen jedoch schwer zu fassen: Sie wandern oft weit in benachbartes gesundes Gehirngewebe ein. Daher verbleiben nach der Operation praktisch immer einige bösartige Zellen, aus denen dann neue Wucherungen entstehen.
Die Bonner Wissenschaftler haben diese Residualzellen nun erstmals genauer unter die Lupe genommen. Von der Bonner Neurochirurgie wurden den Forschern für die Untersuchungen neben Proben aus der Haupttumormasse auch kleine angrenzende diagnostische Gewebeproben von 33 Patienten zur Verfügung gestellt. "Daraus haben wir dann ganz gezielt die wenigen entarteten Zellen gewonnen, die normalerweise im Patienten verblieben wären", erklärt Professor Dr. Björn Scheffler vom Institut für Rekonstruktive Neurobiologie.
"Vergessene Zellen" sind beweglicher und reagieren anders
Bei der Untersuchung der Residualzellen machten die Forscher eine erstaunliche Entdeckung: "Die Krebszellen in der Umgebung des Tumors haben ganz andere Eigenschaften als die aus dem Zentrum der Wucherung", sagt Schefflers Kollege Dr. Martin Glas vom Schwerpunkt Klinische Neuroonkologie. "Sie sind zum Beispiel beweglicher, sie bilden andere Rezeptoren, sie reagieren anders auf Bestrahlung oder chemotherapeutische Substanzen."
Chemo, Bestrahlung & Co.: Die "Waffen" bleiben stumpf
Möglicherweise erklärt dieser Befund auch die mageren Erfolge gegen den häufigsten bösartigen Hirntumor: Obwohl die Krebserkrankung seit mehr als einem halben Jahrhundert intensiv erforscht wird, ist eine Heilung bislang nicht möglich. Durchschnittlich überleben die Patienten nach der Erstdiagnose nur etwa 15 Monate. Zwar rücken die Ärzte den Residualzellen nach der Operation mit Bestrahlung und Chemotherapie zu Leibe. Doch diese Waffen bleiben anscheinend stumpf. Anders lässt sich nicht erklären, dass Glioblastom-Patienten praktisch immer einen Rückfall erleiden.
Die neuen Ergebnisse könnten der Medizin helfen, ihr Waffenarsenal gegen die verbleibenden Krebszellen zu schärfen. Bislang wurden Therapien nur an dem entnommenen Tumorgewebe untersucht. Doch selbst wenn ein Medikament den eigentlichen Tumor zerstören kann, muss das nicht auch für die bösartigen Residualzellen gelten. "Zumindest lohnt es sich, diesen Aspekt im Auge zu behalten", sagen Glas und Scheffler, dämpfen aber im gleichen Atemzug übertriebene Hoffnungen: "Es liegt noch viel Arbeit vor uns. Für neue Therapieansätze müssen wir zunächst die Biologie dieser Zellen noch besser verstehen."
Die Studie wurde durch die Volkswagenstiftung und das BONFOR-Programm der Bonner Medizinischen Fakultät gefördert.
Kontakt:
Prof. Dr. Björn Scheffler
Lichtenberg Professor für Stammzellerkrankungen
Institut für Rekonstruktive Neurobiologie am Universitätsklinikum Bonn
Telefon: 0228/6885-473
E-Mail: bscheffler@uni-bonn.de
Dr. Martin Glas
Schwerpunkt für Klinische Neuroonkologie
Klinik und Poliklinik für Neurologie am Universitätsklinikum Bonn
Telefon: 0228/287-19887
E-Mail: martin.glas@ukb.uni-bonn.de
(Quelle: Informationsdienst Wissenschaft; redaktionell bearbeitet: rrm)
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